Der folgende Artikel wurde ursprünglich 2006 für das Bundesministerium für Gesundheit erstellt. Die vorliegende Fassung ist aus Sicht September 2021 aktualisiert. Sie finden hier einen Überblick über die soziale Landschaft von NLP und NLPt (Neuro-Linguistische Psychotherapie) in Österreich . Der Schwerpunkt wurde unter der besonderen Berücksichtigung der Geschichte und von möglichen formalen und anerkannten Ausbildungsstrukturen für NLP und NLPt gelegt.

Faktische Irrtümer sind trotz sorgfältiger Recherche immer möglich. In diesem Fall bitte ich um Hinweis an friendly@schuetz.at.

Das soziale Feld von NLP und NLPt in Österreich

 

Die ersten NLP Veranstaltungen gab es in Österreich nach unserem Wissensstand zu Beginn der 1980erJahre:
Einen Vortrag an einem Ärztekongress 1981, kurze Seminare mit Thies Stahl im September 1983, Gundl Kutschera 1984 und Helmut Jelem/Peter Schütz Oktober 1984.

NLP ist immer „angewandte Psychologie“, auch wenn es aus Verkaufsgründen mit Trick und Phantasiebezeichnungen wie „Neues Feld, Kommunikation, Phantasiereisen, Baukasten NLS” geschmückt wird. Aus österreichischer rechtlichen Sicht fällt kommerzielle NLP-Anwendung und Schulung damit unter die Rechtsvorschriften für

  • Gewerbliche Coaches/Lebensberater:innen,
  • Gesundheitspsychlog:innen und Klinische Psycholog:innen,
  • Psychotherapeut:innen
  • Psychiater:innen
  • Musiktherapeut:innen

Es gibt derzeit in Österreich mehr as 90 Anbieter von sogenannten NLP Practitionerkursen in verschiedenen Organisationsform (GmbHs, Wifis, Vereine, Einzelpersonen und Arbeitsgemeinschaften).

Der Begriff Practitioner kommt ursprünglich aus der US-Begrifflichkeit “Practitioner of Law” (Rechtsanwalt ) bzw. “Practitioner of Medicine” (Praktischer Arzt/Facharzt ). Dies signalisiert rechtlich und historisch Kompetenz. Dieser “Practitioner”-Begriff wird von mehr als 90 Prozent der Anbieter als inhaltsleere Verkaufsmarke, nach aussen hin schön verpackt und Kompetenz vorgaukelnd verwendet.

Unter anderem daran konnte man bzgl. “NLP Practitioner” seit den 1980ern folgende Differenzierung wahrnehmen:

  1. Minikurse (3 – 7 Tage)
  2. Crashkurse (14 – 21 Tage)
  3. Professionelle Kurse (33 – 37 Tage)

Rund 30 Prozent der österreichischen Anbieter verwenden dabei die Niedrigstandards des sogenannten Dachverbandes für NLP (ÖDV-NLP, Level 3 www.icpnlp.org; humoristische Wiener Bezeichnung „Schwach- oder Flachverband“). Dieser wurde ab etwa 1994 aus Verknüpfungsinteressen und gegen die für diese Personen nicht erreichbaren Qualitätsstandards des ÖTZ-NLP&NLPt gegründet. Weitere 65 Prozent der Anbieter, primär von Bandler und Kolleg:innen gesteuerte Organisationen haben wesentliche niedrigere Standards (Level 2 www.icpnlp.org).

Nur drei Anbieter (Team Winter, Institut Kutschera, ÖTZ-NLP&NLPt) verlangen zumindest 30 Tage für die Practitioner Graduierung. Das ÖTZ-NLP&NLPt fordert seit 1986 zur Graduierung 37 Tage und darüber hinaus seit 1989:

  1. Ein Auswahlinterview durch Psychotherapeut:innen zum Ausfiltern von schwer belasteten Personen
  2. Insgesamt 37 Tage Ausbildung plus Peergroups
  3. Live-Testing und Kompetenzfeststellungsvideos (www.schuetz.at/evid1)

Diesen Standard hat 2004 die Österreichische Berufsvereinigung für professionelles NLP übernommen.

NLP-Ausbildungen umfassen aus wettbewerbsrechtlicher und berufsrechtlicherSicht hauptsächlich den Bereich psychologische Beratung/Coaching/Lebens und Sozialberatung. Eine Firma macht sektoide Massenkurse mit bis zu 150 Teilnehmenden, was der Richtlinie des Justizministeriums (25 Teilnehmenden) widerspricht und bildet nach einer Umfrage des Magazines Training Mediator:innen nicht aus.

Nur das ÖTZ-NLP&NLPt hat die Genehmigungen für Ausbildungen in

  • Coaching/Lebens- und Sozialberatung und
  • Zivilrechtsmediation und
  • Psychotherapeutisches Propädeutikum und
  • Psychotherapeutisches Fachspezfikum
  • Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie

sowie

  • die EAPTI Zertifizierung und
  • die 2007-2012 Akkreditierung für M.Sc. in Coaching und Mediation bzw. Personalentwicklung

Von den rund 90 NLP-Anbietern in Österreich haben

  • Nur ca. zwölf die notwendige LSB/Coaching-Zertifizierung
  • Nur 3 für Zivilrechtsmediation
  • Nur 1 für akademische Lehrgänge/MBA
  • Nur 1 ist ISO 9001 und 29990 zertifiziert und in ganz Österreich fördergelistet
  • Nur 1 ist akkreditiert im für Familie und Beruf
  • Nur 1 fällt in die Kategorie der vom Psychotherapiegesetz und von der EAP (EAPTI) verlangten Kriterien =-Kategorie A
Es gibt vier Linien der Qualitätszertifizierungen:
  1. Nach Zertifizierungsgesetz, zB. ISO 9001, Eduqua
  2. Ministerielle Akkreditierungen
  3. Fachverbände, z.B OeDVNLP, ÖeBVNLP, EANLPt, EAP
  4. Landesakkreditierungen für Förderungen, WAFF, NÖ-Cert, OÖ-Gütesiegel, ÖCert, Land Kärnten

 

Qualitätskategorien für NLP-Anbieter:

 

Kategorie A
  • Mindestens fünf Psychotherapeut:innen stabil als Team und seit mind. 5 Jahren ausbildend,
  • 4-jähriges Curriculum für Psychotherapie bereits durchgeführt,
  • empirische Forschung, publiziert in guten Journalen
  • Mitgliedschaft in der Modalitätsfachgesellschaft (für NLPt ist das die EANLPt)
  • EAPTI-Status
  • Direkte Anerkennung vo, BMW für M.Sc., BMJ für Mediation, WKO für Coaching
  • Maximal 25 Personen in der Gruppe
  • EUCF Anerkennung (Level 4 und 5 www.icpnlp.org)
  1. ÖTZ-NLP&NLPt (Wien)
    Vom Selbstverständnis her professionelles NLP, Coaching, Mediation, akademische Ausbildung und Psychotherapieausbildung sowie NLP Wirtschaftsausbildung
Kategorie B
  • 1 – 2 Psychotherapeut:innen in der Leitung
  • nur 1 und 2-jährige Curricula
  • oft nur 1 Kursleiter:in
  • keine empirische Forschung
  • keine Mitgliedschaft in der EANLPt oder vergleichbaren Organisationen
  • Keine Videokompetenzcheck.
  • Maximal 25 Personen in der Gruppe
  1. Institut Kutschera
  2. Team Winter
Kategorie C
  • Ein oder –selten- zwei ausbildungsberechtigte Lebensberater in der Leitung
  • Unterschiedliche Curriculumslängen, keine externe Qualitätsvalidierung
  • Teilnehmerzahl schwankend
  • 15-18 tages curricula, keine qualitätsvalidierung
Kategorie D ….die grosse Masse

Sektenartige Kurse mit 30-150 Personen, keine LSB Ausbildungszertifizierung des Institutes, selten echter Studienabschluss der des Leiters, starke Verkaufsbetonung und Wissenschaftsdistanz, Namen die an Scientology erinnern lassen, „Hit and Run“ Sommerkurs Modelle, höfliche Kellner ohne Studium, die „Akademien“ leiten…

Kategorie E

Unzertifizierte Einzelpersonen und manche Wifis, die ohne LSB Zertifizierung arbeiten und damit Konsumenten mit beliebigen Standards irreführen.

Je grösser die Gruppe  je weicher das Design und je weniger die Leitung in fachlich qualifizierten Händen liegt, desto höher ist die Nähe zu esoterischen Ansätzen und zu manipulativem Umgang (zB 6 Tage Practitioner Kurse mit über 50 Personen).

Die von 2006 von Mitarbeiter:innen des Bundesministeriums für Gesundheit voller Sorge gestellte Frage welche Auswirkung die Anerkennung der Methode NLPt hat kann im Hinblick auf diese Kategorisierung wie folgt beantwortet werden.

Derzeit ist das ÖTZ-NLP&NLPt – leider – der einzige NLP-Anbieter, der die strengen Auflagen des Psychotherapiegesetzes erfüllt.

Das Institut Kutschera kam zwar ca. 2006 in manchen Punkten (Bestand, Qualifikation der Leitung) an die Kriterien heran, doch ist deren Methodik, Praxis und Curriculum viel zu unterschiedlich, so dass das Institut Kutschera eine eigenständige Theoriebildung-, Forschungs- und Ausbildungsstruktur aufweisen müsste, um als NLPt-Ausbildungsstätte anerkannt werden zu können, was derzeit nicht zu sehen ist. Auch verfügt bedauerlicherweise das Institut Kutschera nicht über eine internationale NLPt-Einbindung. Die Gruppe ist nach langer Inaktivität 2003 aus der EANLPt ausgeschieden, hat kein aktives 4-jähriges Curriculum , keine 5 Jahre kooperierende NLPt-Lehrtherapeutengruppe und keine aktive empirische Forschungs-Tradition.

Zu NLP im Management ist die Frage zu stellen, ob es für Selbstmanagement mit Managern für die Trainerin bzw. den Trainer eine geringere Kompetenz (zB Kellner, Dachdecker, Wohnungsverkäufer) braucht als für die volle Ausbildung zum Supervisionsberechtigten Coach/LSB. Wir meinen, dass zB eine Zahnärztin/ein Zahnarzt für eine:n Verkäufer:in gleich qualifiziert sein muss wie für eine:n Berater:in!

Zu beobachten ist auch, dass insbesondere Anbieter der Kategorie C, D und E verkauftechnisch gut gestaltete Versprechungen machen, oft gewürzt mit inhaltsarmen, dafür sensationslüsternen Formulierungen á la “Meister, Geheimnisse, Baukasten, Hypnorethorik” usw. und an Scientolgy-erinnernde – natürlich legale – Phantasiebezeichnungen (zB Trilogy, Quaternity etc.)

Phänomenologisch kann von Struktur, Ausbildnerqualifikation, Teamsetup, Zertifizierungskriterien auf eine stärker werdende Differenzierung in oberflächlich sektenhaftes, naives und seriös professionelles NLP  gesprochen werden.

Die unerfreuliche Linie des Standard „Nazilinguistisches Programmieren“ und „Der Erfolg von Jörg Haider heißt NLP 2001“ hat diese Wahrnehmung 2001 in der Öffentlichkeit noch verstärkt.

Das ÖTZ-NLP&NLPt hat seit 1986, also lange vor dem Psychotherapiegesetz eine NLP Therapiequalifikation entwickelt und die Position vertreten, dass die Wirksamkeit von NLP primär von der Qualifikation des Ausbildnerteams abhängt. Gemäss dem Staatsgrundgesetz von 1867 “Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei” ist in Österreich Scharlatanen Tür und Tor geöffnet. Jeder darf grundsätzlich fast alles “unterrichten”. Danach dürfte auch zB Herr Elsner Bankenethik und Otto Mühls Assistent:innen dürfen Sexualkunde für Kindergärtner:innen unterrichten…

Wir erleben vielfach, dass Leute aus derartigen oberflächlichen NLP Kursen dann sehr frustriert sind, wenn sie herausfinden , dass sie weder fachlich qualifiziert sind noch berufsrechtlich nichts damit anfangen können, weil

  • ihre Ausbildner:innen keinerlei Berufsausbildungsberechtigungen hatten, nicht zertifiziert waren und
  • ihr Kurs wenig seriöse Kompetenz und Selbsterfahrung vermittelt hatte.

Strukturell Ähnliches ist auch für sogenante Aufstellungsseminare zutreffend.

Die dann oft gestellte Frage, ob das Betrug war, können nur Gerichte klären. Ein erster zivilrechtlicher Ansatz dazu ging 2005 zu Gunsten der Qualität aus => www.schuetz.at/uwg

Weiterführende Links:

 

Zum Autor: Dr. psyth.Peter Schütz M.Sc., MBA, Jahrgang 1952; Gesundheitspsychologe, Mediator, Supervisor ÖAGG & Lehrpsychotherapeut (DG und NLPt), Unternehmensberater CMC, Gerichtssachverständiger für Coaching/LSB (Spezialisierung: NLP; Gruppendynamik, Coaching, Supervision, Didaktik). Seine Ausbildungbasis: 1977-1982 mit einer Gruppendynamik und Gruppenpsychotherapie sowie Psychodramausbildung im ÖAGG in Wien; 1983-1989 NLP/NLPt Ausbildung in England, USA und Österreich. Er ist derzeit Vorstand und einer von 10-NLPt Lehrpsychotherapeut:innen und Lehrbeauftragten im ÖTZ-NLP&NLPt und Generalsekretär der EANLPt. Er war März 2015 -2020 gewählter Vertreter in der LSB-Berufsgruppe der Wiener Wirtschaftskammer WKW und ist jetzt spezialisiertes Mitglied der Fachgruppe. Sein Spezialgebiete sind einerseits Wirtschaftstrainings und Psychotraumatologie.