Zum Phänomen des Ankerns

zurück zu Teil 1

Generell gilt, dass Anker umso besser halten, je trennschärfer und genauer der Reiz gesetzt wird. Auf einem mit Papier überfüllten Schreibtisch wird ein zusätzliches Blatt Papier der gleichen Farbe kaum oder gar nicht auffallen, weder dass es da ist noch wo es liegt. Auf einem aufgeräumten Schreibtisch, auf dem fast nichts liegt, wird sich das gleiche Blatt Papier sehr viel deutlicher von der Umgebung abheben. Auf das Ankern bezogen, bedeutet das, dass je mehr die Person, die geankert werden soll, ihre Aufmerksamkeit auf eines richtet und nicht auf mehreres, und auch je mehr sie entsprechend erregt ist in positiver Richtung, d. h. in NLP-Sprache, je stärker der jeweilige Ressourcezustand, und je eindeutiger und unterscheidbarer der Berührungsreiz ist, desto mehr wird der Anker bei einmaliger Berührung halten und auch desto länger wird er immer wieder abrufbar sein. Und umgekehrt.

Je diffuser das ist, woran die Person denkt und je weniger unterscheidbar und je oberflächlicher die Berührung ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Du mit dem Ankern erfolg-reich bist. Das gilt natürlich auch für visuelle Anker (Handbewegungen) oder akustische Anker (Töne, mit Flüssigkeit gefüllte Gläser oder Flaschen, die angeschlagen werden, oder auch ein spezieller Tonfall). Wobei es hier auch noch eine Rolle spielt, von welcher Seite der Ton gehört wird: von vorn, von hinten, von unten, von oben, etc. Weitere Faktoren, die erfolg-reiches Ankern begünstigen oder hemmen sind Geschwindigkeit und Dauer, d. h., wie lange bleibt die Berührung aufrecht und wie rasch wird die Person berührt. Wenn der Anker zu-nächst sehr lange gehalten wird, ist es wahrscheinlich, dass nicht nur ein spezieller Zustand, etwa ein Bild oder ein Gefühl, sondern eine ganze Strategie (ein ganzer innerer Videoclip) oder ununterscheidbar gewisse Teile davon verankert werden. Und natürlich spielt auch eine Rolle, ob es nicht genau diese Geschwindigkeit, Berührung, Festigkeit und vielleicht auch Hautwärme ist, die dieser Mensch an dieser Stelle oder auch generell schon in dieser spezifischen Art erlebt und bereits als Anker für etwas anderes belegt hat.

Wenn oben gesagt wurde, dass Ankern ebenso eine Frage der Technik wie der Beziehung ist, so ist spätestens an dieser Stelle dieser wichtige Aspekt der Beziehung näher zu betrachten. Denn allein die Tatsache, dass ein Mensch einen anderen berührt (gleichgeschlechtlich, gegengeschlechtlich), bedeutet ja, sich ein Stück auf den anderen beziehen, zuzulassen, sich auch ein Stück weit zu öffnen oder hinzugeben. Das aber ist für unterschiedliche Menschen sehr unterschiedlich besetzt. Und es gibt hier keine Wahrheit, sondern es ist immer wieder neu herauszufinden, was es für die Person subjektiv bedeutet bzw. was es für die Beziehung der beiden, die miteinander mit Ankern arbeiten, bedeutet, wenn der eine an den an-deren „Hand anlegt“. Es kann von einem sehr körperorientierten Menschen als angenehme Unterstützung durch einen anderen körperorientierten Menschen erlebt werden, ebenso wie – und das kann exakt die gleiche Art des Berührens sein – als beinahe inakzeptables Ver-letzen oder Überschreiten der Körpergrenzen.

Weiters ist zu berücksichtigen, dass es nicht nur um die Berührung an sich geht, sondern dass die Botschaft hinter der Botschaft (Meta-Botschaft) ja auch bedeutet, einer kann die Gefühlswelt des anderen von außen mit beeinflussen. Und je nach Kultur und Lebenshintergrund ist das eine sehr erfreuliche oder sehr bedrohliche Angelegenheit, die nur inner-halb einer speziellen Beziehung zueinander einen positiven Sinn ergibt. Es kann also die Technik ganz exakt sein, wenn die hinter dem Ankern stehende Beziehung nicht funktioniert, sei es die Beziehung der zwei Personen zueinander oder auch des Menschen, der geankert wird (d. h., seine Beziehung zu sich selbst) dann wird Ankern nicht von Erfolg getragen sein.

Wir erleben in den Workshops immer wieder, dass Menschen, die sehr stark von innerer Kontrolle geprägt sind, aus Ehrgeiz zwar versuchen, sich ankern zu lassen („das MUSS doch funktionieren“). Und eben jenes Muss – mit dem dazugehörenden Stress und der kontrollierenden Selbstbeobachtung – ist es dann, das den Erfolg des Ankers verhindert bzw. es ist zumeist nicht so, dass der Erfolg des Ankerns verhindert wird (geankert wird dann der Satz „Jetzt geht’s nicht“ oder „Das muss doch gehen“) sondern durch den selbsterzeugten Stress ist das Reinkommen in einen guten Zustand immer nur ganz kurzzeitig möglich. Und im Moment des Ankerns spielt die Selbstkontrolle einen Streich, wir gehen in die innerliche Metaposition zur Selbstbeobachtung, und der Zugang zu dem guten Zustand bleibt verschlossen.

Hier wäre zunächst einmal an den Themen von Vertrauen, emotionaler Sicherheit, etc. zu arbeiten, d. h. es ist notwendig zuerst die Beziehungsebene zu sanieren, bevor mit Technik etwas getan werden kann. Ganz besonders sei noch darauf verwiesen, dass bei Personen, die aus ihrer Lebensgeschichte heraus keine besseren Alternativen entwickeln konnten als starke Abhängigkeitsmuster (insbesondere Menschen, die in ihrer Kindheit gewalttätigen, sexuellen oder psychischen Missbrauch stark erlebt haben) zwei sehr starke „Strömungen des Verhaltens und des Erlebens“ wahrnehmbar sind: Einerseits, so paradox das klingen mag, ein starkes Bedürfnis, geankert zu werden, d. h., dass von außen über ihr Gefühlsleben verfügt wird, und andererseits ein ebenso starkes Misstrauen jeder Intervention von außen gegenüber, da ja strukturell die Ankernde/der Ankernde innerlich mit der Person aus der Geschichte unbewusst verglichen wird, die die Missbrauchshandlung gesetzt hat.

Gerade unter diesem Gesichtspunkt ist es – von einfachen Demonstrationen einmal abgesehen – im Sinne eines seriösen Verwendens von körperlich intensiveren Ankern ebenso professionell ratsam wie ethisch korrekt, sich ausreichend Informationen zu verschaffen über die Art und Weise, wie die Person innerlich den Prozess des Ankerns vermutlich deutet. Oftmals wird dies auf Grund der allgemeinen Erfahrung und vieler nonverbaler Zugangs-hinweise möglich sein. Vor allem im Kontext von Beratungsgesprächen aber ist eine Kom-bination aus voranlaufender Diagnostik und prozessorientierter Feedback-Diagnostik absolut notwendig. Das soll nun nicht heißen, dass bei diesen Personen nicht mit Ankern gearbeitet werden kann, sondern dass es umso wichtiger ist, den Kontext ganz genau zu klären und die Eigenverantwortung (und auch das Bestimmen des Was, Wo, Wie, Wann) sehr stark in den Vordergrund des Arbeitens zu rücken, was an sich einen Teil des Entwicklungsprozesses ausmacht, der oft wichtiger ist als das Ressourcenankern selbst.

Oft werden wir gefragt, ob sich auch bestehende „negative“ Anker löschen lassen. Selbstverständlich! Allerdings sollte vorher geklärt werden, ob dieser negative Anker auf Grund einer Panne gesetzt worden ist oder für die Person eine vielleicht unbewusst sinnvolle Funktion erfüllt. Ein Beispiel für eine Panne wäre: Jemand fällt hin, schürft sich dabei die Haut auf, und während er oder sie diesen Schmerz spürt, hört er/sie eine Musik oder ein Geräusch. Und wann immer dieses Geräusch dann später wiederkommt, sei es das Knirschen der Räder der Straßenbahn in den Schienen oder der Radetzkymarsch usw., wird der Person leicht mulmig und übel, weil es eben eine mehr oder weniger unbewusste Erinnerung an den ursprünglichen Schmerz ist, obwohl das Geräusch mit dem Hinfallen an sich in keinem ursächlichen oder sinnvollen Zusammenhang steht. Bei derartigen Pannen ist entweder mit stärkeren Ressourceankern oder mit dem NLP-Modell der Dissoziations- und Phobiearbeit Erleichterung und Abhilfe zu schaffen. Handelt es sich hingegen um verankerte Zusammenhänge, die aus der Familiendynamik oder ähnlich gelagerten Kontexten stammen, dann ist vor jeder Intervention jedenfalls die gute Absicht dieses Ankersystems näher zu überprüfen und darauf zu achten, dass im Falle des „Wegankerns“ nicht irgendetwas Positives oder Beschützendes verloren geht. Und es ist sicherzustellen, dass die positive Intention jedenfalls nach wie vor gewahrt bleibt.

Dr. Peter Schütz, MBA
Psychotherapeut, Gesundheitspsychologe, ÖTZ-NLP&NLPt-Lehrtrainer

Photo by ål nik on Unsplash