Das soziale Feld von NLP und NLPt in Österreich

Peter Schütz, Februar 2013

Der folgende Artikel wurde ursprünglich 2006 für das Bundesministerium für Gesundheit erstellt und im Februar 2013 aktualisiert. Sie finden hier einen Überblick über die soziale Landschaft von NLPt (Neuro-Linguistische Psychotherapie) und NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) in Österreich. Der Schwerpunkt wurde unter der besonderen Berücksichtigung der Geschichte  auf die möglichen formalen und anerkannten Ausbildungsstrukturen für NLPt und NLP gelegt. Faktische Irrtümer sind trotz sorgfältiger Recherche immer möglich. In diesem Fall bitte ich um einen Hinweis an This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. .

Die ersten NLP-Veranstaltungen gab es in Österreich nach unserem Wissensstand zu Beginn der 1980er Jahre:

  • einen Vortrag auf einem Ärztekongress 1981
  • kurze Seminare mit Thies Stahl (September 1983), Gundl Kutschera (1984) und Helmut Jelem/Peter Schütz (Oktober 1984)

NLP ist immer "angewandte Psychologie", auch wenn es aus Verkaufsgründen mit Trick- und Phantasiebezeichnungen wie "Neues Feld, Kommunikation, Phantasiereisen, Baukasten NLP" geschmückt wird. Aus österreichischer rechtlicher Sicht fallen kommerzielle NLP-Anwendung und Schulung damit unter die Rechtsvorschriften für GesundheitspychologInnen und Klinische PsychologInnen, PsychotherapeutInnen, CoachInnen/LebensberaterInnen, PsychiaterInnen und MusiktherapeutInnen.

Es gibt ca. 50 Anbieter von sogenannten NLP-Practitioner-Kursen. Organisationsform: GmbH's, Wifi's, Vereine, Einzelpersonen und Arbeitsgemeinschaften. Der Begriff Practitioner kommt ursprünglich aus der US-Begrifflichkeit „practitioner of law“, „practitioner of medicine“. Diese signalisiert rechtlich und historisch Kompetenz. Dieser "practitioner"-Begriff wird von mehr als 80 % der Anbieter als inhaltsleere Verkaufsmarke nach außen hin schön verpackt und Kompetenz gaukelnd verwendet.

Unter anderem daran konnte man bei "NLP-Practitionern" seit den 1980er Jahren folgende Differenzierungen wahrnehmen:

  1. Minikurse (3 bis 7 Tage)
  2. Crashkurse (14 bis 21 Tage)
  3. Professionelle Kurse (33 bis 37 Tage)

Ca. 60 % der Anbieter verwenden dabei die Niedrigstandards des sogenannten Dachverbandes für NLP, des ÖDV-NLP (humoristische Wiener Bezeichnung „Schwach- oder Flachverband“). Dieser wurde ab ca. 1994 aus Verknüpfungsinteressen und gegen die für diese Personen nicht erreichbaren Qualitätsstandards des ÖTZ-NLP&NLPt gegründet. Weitere 30 % der Anbieter, primär von Bandler graduierte bzw. gesteuerte Organisationen gehen nicht einmal auf diese Standards ein.

Nur 5 Anbieter (Helga Obermair, Dr. Pesendorfer, Team Winter, Institut Kutschera, ÖTZ-NLP&NLPt) verlangen zumindest 30 Tage für die Practitioner-Graduierung. Das ÖTZ-NLP&NLPt verlangt seit 1985 37 Tage und darüber hinaus seit 1989 Live-Testings und Kompetenzfeststellungsvideos. Diesen Standard hat 2004 die Österreichische Berufsvereinigung für professionelles NLP übernommen.

NLP-Ausbildungen umfassen aus wettbewerbsrechtlicher und gewerberechtlicher Sicht hauptsächlich den Bereich psychologische Beratung, Coaching bzw. Lebens- und Sozialberatung, sowie bei zwei Anbietern auch Zivilrechtsmediation (ÖTZ-NLP&NLPt integriert und Trinergy International separiert). Trinergy Internationel macht allerdings Massenkurse mit bis zu 150 Personen, was der Richtlinie des Justizministeriums (max. 25 TeilnehmerInnen) widerspricht und bildet nach einer Umfrage des Magazin Trainings MediatorInnen nicht aus.

Weiters hat nur das ÖTZ-NLP&NLPt alle folgenden Ausbildungsgenehmigungen und Zertifizierungen:

  • Coaching/Lebens- und Sozialberatungs-Ausbildung
  • Mediationsausbildung
  • Psychotherapieausbildung (Propädeutikum und Fachspezifikum)
  • EAPTI-Zertifizierung
  • Akkreditierung für MSc-Lehrgänge
  • Lehrgang für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie

Nur ca. 10 NLP-Anbieter haben die notwendige LSB/Coaching-Zertifizierung.

Nur 2 jene für Zivilrechtsmediation.

Nur 1 jene für akademische Lehrgänge.

Nur 1 ist ISO 9001 zertifiziert und in ganz Österreich fördergelistet.

Nur 1 fällt in die Kategorie der vom Psychotherapiegesetz und von der EAP (EAPTI) verlangten Kriterien = Kategorie A

Es gibt 4 Linien der Qualitätszertifizierungen:

  1. nach Zertifizierungsgesetz, z.B. ISO 9001, EduQua
  2. ministerielle Akkreditierungen
  3. Fachverbände, z.B. ÖDV-NLP, ÖBV-NLP, EANLPt, EAP
  4. Landesakkreditierungen für Förderungen, z.B. waff, Cert NÖ, Qualitätssiegel des Landes OÖ, Land Kärnten

Kategorie A

  • mindestens fünf PsychotherapeutInnen stabil als Team und seit mind. 5 Jahren ausbildend
  • 4-jähriges Curriculum für Psychotherapie bereits durchgeführt
  • empirische Forschung
  • Mitgliedschaft in der Modalitätsfachgesellschaft (für NLPt ist das die EANLPt)
  • EAPTI Status (European Accredited Psychotherapy Training Institute)
  • direkte Anerkennung des BMW für M.Sc. (oder pro futuro Zertifikatslehrgang), des BMJ für Mediation und der WKO für Coaching/Lebens- und Sozialberatung
  • maximal 25 Personen in der Gruppe

1. ÖTZ-NLP&NLPt, 1090 Wien
Vom Selbstverständnis her professionelles NLP, Coaching und Mediation, akademische und Psychotherapie-Ausbildung, sowie NLP-Wirtschaftsausbildung. Zertifikatspaket.

Kategorie B

  • 1 - 3 PsychotherapeutInnen in der Leitung
  • nur 1 - 2-jährige Curricula
  • keine empirische Forschung
  • keine Mitgliedschaft in der EANLPt oder vergleichbaren Organisationen
  • maximal 25 Personen in der Gruppe
  1. Institut Kutschera GmbH, 1060 Wien
  2. Helga Obermair -  systemische Beratung und Trainings e.U., 4020 Linz
  3. Team Winter, 1030 Wien
  4. Prof. Dr. Franz Alberich Pesendorfer, 8522 Neudorfegg

Kategorie C

  • 1 oder 2 ausbildungsberechtigte Lebens- und SozialberaterInnen in der Leitung
  • TeilnehmerInnenzahl schwankend
  • 15 - 18-Tages-Curricula
  • keine Qualitätsvalidierung
  1. Lebensberatung Konir, Gerhard Konir, MBA MSc, 2822 Föhrenau (gemeinsam mit IANP - Institut für Atem, NLP und Persönlichkeitsentwicklung)
  2. Institut Dr. Chlebowsky, 1120 Wien
  3. Institut für strukturelle Wahrnehmung, 7521 Eberau
  4. Linzer Akademie für NLP, Dr. Walter & Andrea Ötsch, 4020 Linz

Kategorie D ... die große Masse

  • Sektenartige Kurse mit 30 - 300 Personen
  • keine LSB-Ausbildungszertifizierung des Institutes und/oder des/der LeiterIn
  • selten echter Studienabschluss des/der LeiterIn
  • starke Verkaufsbetonung und Wissenschaftsdistanz
  • Namen, die an Scientology erinnern
  • „Hit and Run“ Sommerkurs-Modelle
  • höfliche Kellner ohne Studium, die Akademien leiten

Kategorie E
Unzertifizierte Einzelpersonen und manche Wifis, die ohne LSB-Zertifizierung mit beliebigen Standards arbeiten und damit Konsumenten irreführen. Je größer die Gruppe, je weicher das Design und je weniger die Leitung in fachlich qualifizierten Händen liegt, desto höher ist die Nähe zu esoterischen Ansätzen und manipulativem Umgang: z.B. 5 Tage Practitioner-Kurse mit 300 Personen.

Die 2006 von MitarbeiterInnen des Bundesministeriums für Gesundheit voller Sorge gestellte Frage, welche Auswirkung eine allfällige Anerkennung der Methode NLPt hat, kann im Hinblick auf diese Kategorisierung wie folgt beantwortet werden.

Derzeit ist das ÖTZ-NLP&NLPt - leider - der einzige NLP-Anbieter, der die strengen Auflagen des Psychotherapiegesetzes erfüllt.

Das Institut Kutschera kam zwar ca. 2006 in manchen Punkten (Bestand, Qualifikation der Leitung) an die Kriterien heran, doch ist deren Methodik, Praxis und Curriculum viel zu unterschiedlich, so dass das Institut eine eigenständige Theoriebildung, Forschungs- und Ausbildungsstruktur aufweisen müsste, um als NLPt-Ausbildungsstätte anerkannt werden zu können, was derzeit nicht zu sehen ist. Das Institut Kutschera verfügt bedauerlicherweise auch nicht über eine internationale NLPt-Einbindung (die Gruppe ist nach langer Inaktivität 2003 aus der EANLPt ausgeschieden), hat kein 4-jähriges Curriculum, keine 5 Jahre kooperierende NLPt-LehrtherapeutInnengruppe und keine aktive empirische Forschungstradtition.

In Bezug auf NLP im Management ist die Frage zu stellen, ob es für Selbstmanagement mit Managern eine geringere Kompetenz des/die TrainerIn braucht, z.B. Kellner, Dachdecker, als für die Ausbildung zu Coaches. Wir meinen, dass z.B. ein Zahnarzt für eine Verkäuferin gleich zertifiziert sein muss wie für eine Beraterin! Zu beobachten ist auch, dass insbesondere Anbieter der Kategorie C bis E verkaufstechnisch gut gestaltete Versprechungen machen, oft gewürzt mit inhaltsarmen, dafür sensationslüsternen Formulierungen à la "Meister", "Geheimnisse", "Baukasten", "Hypnorhetorik", usw.

Phänomenologisch kann in Bezug auf Struktur, Ausbildnerqualifikation, Teamsetup, Zertifizierungskriterien von einer stärker werdenden Differenzierung in oberflächlich sektenhaftes, naives und seriös professionelles NLP gesprochen werden. Die unerfreuliche Linie des Standard („Nazilinguistisches Programmieren“ im Standard 2002) hat diese Wahrnehmung in der Öffentlichkeit noch verstärkt.

Das ÖTZ-NLP&NLPt hat seit 1986, also lange vor dem österreichischen Psychotherapiegesetz, eine NLP-Therapiequalifikation entwickelt und die Position vertreten, dass die Wirksamkeit von NLP primär von der Qualifikation des Ausbildnerteams abhängt. Gemäß dem Staatsgrundgesetz von 1867, "Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei", wurden in Österreich Scharlatanen Tür und Tor geöffnet. Jeder darf grundsätzlich fast alles "unterrichten". Danach dürfte auch Herr Elsner Bankenethik und Otto Mühl Sexualkunde für KindergärtnerInnen unterrichten.

Wir erleben vielfach, dass Leute aus derartig oberflächlichen NLP-Kursen dann sehr frustriert sind, wenn sie herausfinden, dass sie weder fachlich, noch berufsrechtlich etwas damit anfangen können, weil:

  • a. ihre Ausbildner keinerlei Berufsausbildungsberechtigungen hatten, nicht zertifiziert waren und
  • b. ihr Kurs wenig seriöse Kompetenz und Selbsterfahrung vermittelt hatte.

Die dann oft gestellte Frage, ob das Betrug war, müssten die Gerichte klären. Ein erster Ansatz dazu ging gerichtlich zu Gunsten der Qualität aus (siehe www.schuetz.at/uwg). Ein interessantes Zivilverfahren gab es 2012 bezüglich der Ausbildungsqualität eines Kategorie C/D-Anbieters vor dem Wiener Handelsgericht.

Weiterführende Links:

Der Autor, Mag. Peter Schütz, M.Sc. MBA, Jahrgang 1952, Gesundheitspsychologe, Mediator, Supervisor (ÖAGG), Psychotherapeut und Unternehmensberater CMC, Lehrcoach (BÖP) absolvierte 1977 bis 1982 eine Gruppendynamik-, Gruppenpsychotherapie- und Psychodramausbildung im ÖAGG. NLP und NLPt Ausbildung 1983 bis 1989 in England, USA und Österreich. Er ist derzeit Vorstand und einer von 11 Lehrpsychotherapeuten im ÖTZ- NLP&NLPt und Generalsekretär der EANLPt. Seine Spezialgebiete sind Teamtraining und Psychotraumatologie.

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